Wie Mauern so kalt | Elke Bergsma

Wie Mauern so kalt

Wie Mauern so kalt

Der 1. Fall für das deutsch-niederländische Ermittlerteam Sophie Reimers und Arie van Dijk

E-Book im Kindle-Format (Amazon)
Preis: 3,99 Euro

Taschenbuch folgt in Kürze. Dann überall im Buchhandel.

Und darum geht's:

Januar 2018: In der niederländischen Provinz Groningen bebt die Erde. Ursache ist die seit Jahrzehnten andauernde Förderung der unterirdischen Gasvorkommen. Tausende Gebäude werden zum Teil schwer beschädigt, viele Bewohner müssen ihre Häuser verlassen.

Juni 2018: In der niederländischen Ortschaft Onderdendam wird eine junge Deutsche, die in Groningen studierte, ermordet aufgefunden. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Motiv für den Mord in einer Studienarbeit der Studentin zu finden sein könnte, die sie gemeinsam mit Kommilitonen anfertigte. Ist sie bei ihren Recherchen womöglich kriminellen Machenschaften auf die Spur gekommen, die im Zusammenhang mit der Gasförderung stehen? Oder handelt es sich nicht doch eher um eine Beziehungstat, verübt durch einen abgewiesenen Verehrer?

Besondere Brisanz erhält der Fall, als auch Arie van Dijks Schwester in das Fadenkreuz des Mörders gerät.

 

Leseprobe

Edo Brandsma nickte seiner Frau Hemke stumm zu, woraufhin sie die Lippen zusammenkniff und ihren Kopf senkte. Tapfer versuchte sie, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Und doch konnte sie nicht verhindern, dass ihr die Tränen unaufhaltsam die faltigen Wangen hinabliefen.
Ihr Anblick zerriss Edo schier das Herz. Wie gerne hätte er ihr das Leid von der Seele genommen, die Hilflosigkeit lastete schwer auf seinem Gemüt. Sein Blick blieb an Hemkes arthritisch verformten Fingern hängen. Wie Krallen walkten sie ein spitzenbesetztes Taschentuch, als ginge es darum, sämtliche Tränen der letzten Tage aus ihm herauszudrücken. Und es waren viele Tränen gewesen, verdammt viele.
Dabei hatten sie doch immer nur versucht, rechtschaffene Menschen zu sein. Bauern zu sein, die das taten, was Bauern eben taten: sich um Haus und Hof kümmern, das Land bestellen und das Vieh versorgen, um sich und ihren Kindern einen bescheidenen Lebensstandard zu sichern. Es war schon lange her, dass man als Landwirt in den Niederlanden ein Vermögen machen konnte. Doch mit Fleiß und Einsatzbereitschaft hatte das, was Edo und Hemke verdienten, gut zum Leben gereicht; auch wenn man es ihnen in den letzten Jahren nicht gerade leicht gemacht hatte. Vor allem die ständig sinkenden Milchpreise hatten ihnen zu schaffen gemacht. Und dann war da noch Hemkes Krankheit, die ihr die Knochen aus dem Körper fraß und sie seit einiger Zeit daran hinderte, ihrer geliebten Arbeit auf dem Hof nachzukommen. Doch gemeinsam hatten sie bisher jeder Krise überstanden.
Und nun das. Nein, das hatten sie wirklich nicht verdient. Aber wer fragte in dieser Welt schon nach Gerechtigkeit? Seit sie die niederschmetternde Nachricht erhalten hatten, war da diese unendliche Leere in ihnen, dieses Gefühl, aus dem Leben gerissen und in ein Vakuum geschleudert worden zu sein. Ein Vakuum, das sie umhüllte wie eine Kammer des Todes.
„Bist du bereit?“
Hemke hob den Blick und nickte erneut. Ihre Hände verkrampften sich, den Kopf zog sie, wie um Schutz zu suchen, zwischen die Schultern.
Ein allerletztes Mal, dachte Edo, als er sich nun von seinem angestammten Platz auf der Küchenbank erhob. Jahrzehntelang hatte er auf dieser Bank gesessen, immer genau auf diesem Platz. Bei jeder Tasse Kaffee, bei jeder Mahlzeit, bei jedem Besuch von Familie, Freunden und Kollegen. Nun aber würde es nie wieder so sein. Ein allerletztes Mal. Sein ganzes Leben versank in diesen drei Wörtern.
„Sind Sie soweit?“, erklang eine Stimme von draußen. „Wir würden dann gerne Feierabend machen.“
Edo nickte. Bald würde es dunkel werden. Die Uhr zeigte zwei Stunden vor Mitternacht. Da war es nur allzu verständlich, dass die jungen Leute vom Umzugsunternehmen endlich nach Hause wollten. Für sie war das hier nur ein Job.
Für Edo und Hemke aber war es der Anfang vom Ende.
„Wir kommen“, rief Edo mit zittriger Stimme. Der Kloß in seinem Hals wuchs sich zu einem Ballon aus und machte ihm das Atmen schwer, aber nach außen hin wollte er seinen Kummer nicht zur Schau tragen. „Wir kommen, einen Moment, alstublieft!“
Er lief um den Tisch herum und umschloss die Griffe von Hemkes Rollstuhl. Ohne sich noch einmal umzudrehen, schob er sie zur Haustür. Draußen stand einer der in Latzhosen gekleideten Männer und sah ihnen mit in die Hüften gestemmten Händen entgegen. Als sie vor den drei Stufen standen, die vom Wohnhaus zur Auffahrt führten, nahm der Mann die fast zu Ende gerauchte Zigarette aus dem Mund und schnippte sie mit den Fingern weg. Dann trugen er und sein Kollege den Rollstuhl nach unten. Ein dritter Mann machte sich umgehend daran, die Haustür zu verschließen und mit Flatterband ein Kreuz über den Rahmen der Haustür zu kleben. Bis auf weiteres würde niemand mehr das stattliche Wohnhaus betreten.
Tot ziens“, wisperte Edo fast lautlos, auch wenn er wusste, dass es für ihn und sein Haus kein Bis bald mehr geben würde.

 

[1] bitte