Stumme Tränen

Stumme Tränen

Der 7. Fall für Büttner und Hasenkrug

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Worum geht's?

Verfolgt von einem zunehmend bedrohlich auftretenden Stalker, flüchtet sich die erfolgreiche Kölner Autorin Helen Rössling auf den Bauernhof ihrer Freundin Jutta im vermeintlich beschaulichen Ostfriesland. Doch schnell ist es auch hier mit der Idylle vorbei, als am Trockenstrand von Upleward die Leiche eines Mannes aufgefunden wird. Zum Entsetzen von Sebastian Hasenkrug wird Helen, mit der er Jahre zuvor eine kurze romantische Beziehung hatte, zur Hauptverdächtigen in diesem Mordfall. Obwohl Hasenkrug fest von Helens Unschuld überzeugt ist, sprechen auch im Laufe der weiteren Ermittlungen, die die Polizisten bis ins zwielichtige Emder Rotlichtmilieu führen, viele Indizien gegen sie - auffallend viele, wie Hauptkommissar David Büttner findet.

 

Leseprobe

1

„Das muss ja wahre Liebe sein. Jeden Tag so schöne Blumen.“ Der Kurier zwinkerte Helen spitzbübisch lächelnd zu und drückte ihr einen voluminösen Strauß langstieliger roter Rosen in die Arme. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er im nächsten Moment besorgt, als sie kurz schwankte und sich schnell mit ihrer Schulter gegen den Türrahmen lehnte. Ihre Beine drohten unter ihr wegzusacken, in ihrem Kopf machte sich erneut dieses widerliche Rauschen breit. Irgendwann, da war sie sich ziemlich sicher, würde es sie wie ein sich immer schneller drehender Strudel mit in die Tiefe reißen.
Sie nickte abwesend und schlug dem Kurier dann so schnell die Tür vor der Nase zu, dass sie ihm unweigerlich eine Beule an der Stirn beschert hätte, wenn er nicht geistesgegenwärtig zurückgesprungen wäre. Sie hörte, wie er ein kurzes Fluchen hervorstieß und nur Sekunden später die knarrenden Stufen der alten Holztreppe hinablief.
Helen ließ die Blumen zu Boden fallen und sackte, die Wohnungstür im Rücken, kraftlos in sich zusammen. Von einer plötzlichen Kälte übermannt, schlug sie die Arme um ihren schlanken Körper und begann haltlos zu schluchzen. Was, um alles in der Welt, sollte sie tun? Wer konnte ihr helfen? Wenn doch wenigstens Markus bei ihr wäre! Wie sehr sie sich nach seinen starken Armen sehnte, nach seiner ruhigen, tiefen Stimme, nach seinem Geruch!
Erst gestern Abend aber hatte er ihr am Telefon gesagt, dass er seinen Aufenthalt in China noch um ein paar Wochen würde verlängern müssen. Er könne ihr nicht genau sagen, wann seine Firma mit dem Aufbau der Zweigstelle in Peking endlich fertig sei. Quasi täglich tauchten neue bürokratische Hindernisse auf, und auch mit den Materiallieferungen klappe es bei Weitem nicht so, wie sie es sich vorgestellt hätten. Auf seine Frage, ob es ihr gut gehe, hatte sie nur genickt, obwohl er es durchs Telefon natürlich nicht sehen konnte. Dann hatte sie ohne ein weiteres Wort die Aus-Taste gedrückt, sich auf ihr Bett fallen lassen, ihre Wärmflasche an sich gepresst und stundenlang an die Decke gestarrt, bevor sie in einen unruhigen, von quälenden Alpträumen beherrschten Schlaf gefallen war.
Minutenlang saß Helen nur da und stierte vor sich auf den Boden. Bis auf das gleichmäßige Ticken der antiken Standuhr und das monotone, durch die Isolierverglasung gedämpfte Rauschen des Straßenverkehrs, der sich unter den Fenstern ihrer Altbauwohnung vorbeischlängelte, war kein Laut zu hören. Umso mehr erschrak sie, als plötzlich ihr Telefon zu schrillen begann. Mit einem tiefen Seufzer quälte sie sich umständlich in die Senkrechte, folgte schleppenden Schrittes dem Geräusch und fand das Mobilteil ihres Telefons schließlich halb unter einem Sofakissen vergraben. Sie meldete sich, wobei sie sich bemühte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. Ihr Verlag hatte für diese Uhrzeit einen Anruf angekündigt, um ihr nun hoffentlich mitzuteilen, dass ihr neuer Roman wie geplant in der kommenden Woche erscheinen würde. Auch hier hatte es bereits wochenlange Verzögerungen gegeben, weil sich der zuständige Lektor laufend neue Änderungen einfallen ließ, die seiner Meinung nach besser zum Gesamtbild passten.
„Hallo, meine Süße. Ich hoffe, du hast dich über meinen Blumenstrauß gefreut!“, klang ihr eine säuselnde Stimme aus dem Hörer entgegen. Helen schnappte entsetzt nach Luft. Dieser, dieser … er …! Mit einem kurzen, schrillen Schrei ließ sie das Telefon auf die Bodenfliesen fallen, wo es in seine Einzelteile zersprang. Panisch ließ Helen ihren Blick durch ihre Wohnung schweifen, als fürchte sie, dass sich ihr Peiniger hier irgendwo versteckt halten könnte. Wie ein aufgescheuchtes Reh wanderte sie minutenlang von ihrer Küche durch Wohn- und Schlafzimmer und wieder zurück. Nervös knetete sie ihre eiskalten Hände vor dem Bauch und versuchte, ihren stoßweisen Atem wieder zu beruhigen, so wie sie es in ihren Yogastunden gelernt hatte. Doch kaum, dass sich ihre Atmung wieder ein wenig normalisierte, erklang das durchdringende Läuten ihres Smartphones. Zu Tode erschrocken zuckte sie zusammen, starrte gehetzt auf das im blinkenden Display aufleuchtende Unbekannt und wartete, bis sich die Mailbox einschaltete. Als sie diese wenig später abhörte, erkannte sie die Stimme, die ihr ein Warum gehst du denn nicht dran, mein Liebling? entgegenhauchte, sofort wieder.

Woher hatte der Kerl ihre Geheimnummern? Ganz bewusst hatte sie diese nur ihren engsten Freunden und ihrem Verlag gegeben. Denn in den letzten Monaten hatten sich die Anrufe penetranter Fans gehäuft, die ihr wahlweise vorschlugen, gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen, sich mein brechendstarkes Manuskript einmal durchzulesen oder sie beim Schreiben ihres zukünftigen Megasellers zu unterstützen. Grundsätzlich war Helen zielstrebigen Nachwuchsautoren sehr gerne behilflich, aber inzwischen hatten die Anfragen derart zugenommen, dass sie für ihre eigene Arbeit keine Zeit mehr gefunden hätte, würde sie sie alle bedienen. Somit hatte sie beschlossen, zukünftig persönlich nur noch sehr eingeschränkt erreichbar zu sein. Wie also war es möglich, dass ein Wildfremder an ihre Nummern gekommen war?
Schon seit Wochen fühlte sich Helen von einem heimlichen Verehrer verfolgt. Beinahe täglich fand sie kleine Zettel mit Liebesbotschaften unter den Scheibenwischern ihres Sportwagens und in ihrem Briefkasten, zahlreiche E-mails verstopften ihren Posteingang. Sie alle waren stets unterschrieben mit Dein Liebster. Zweimal hatte er ihr auch eine CD zukommen lassen, auf der er schnulzige Gedichte und Beteuerungen seiner bedingungslosen Liebe verewigt hatte, gepaart mit dem kryptischen Versprechen, mit ihr schon sehr bald das Reich der überirdischen Freuden betreten zu dürfen. Am Schluss der Aufnahmen aber erschien auch jeweils die unzweideutige Drohung, dass sie unvorstellbare Qualen würde erleiden müssen, wenn sie ihm weiterhin vorzugaukeln versuche, dass sie seine Liebe nicht erwidere, obwohl er genau wisse, dass es anders sei.
Voller Entsetzen war sie mit diesen CDs zur Polizei gegangen und hatte um Hilfe gebeten. Dort aber hatte man nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, solange nichts passiert sei, habe man keine Handhabe. Ein feister Polizist in Uniform war sich nicht zu blöd gewesen, ihr zu raten, sie solle die Sache doch einfach als Kompliment sehen. So manche Frau in ihrem Alter würde sich schließlich alle zehn Finger danach lecken, von der Männerwelt überhaupt noch beachtet zu werden. „Ich bin gerade einmal 36!“, hatte Helen empört erwidert und dafür ein anzügliches Grinsen mit der knappen Bemerkung Eben! geerntet.
Doch damit nicht genug, wurden ihr jetzt auch noch seit Tagen an jedem Vormittag rote Rosen durch einen Kurierdienst zugestellt; und es war ihr bisher trotz aller Anstrengungen unmöglich gewesen, herauszubekommen, wer der Auftraggeber war.
Dass ihr Verehrer sie nun aber auch noch anrief, war neu. Vermutlich hatte es ihn einiges an Zeit und Mühe gekostet, an ihre Telefonnummern heranzukommen. Doch ganz offensichtlich war es ihm gelungen.

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