Puppenblut

Puppenblut

Der 6. Fall für Büttner und Hasenkrug

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Worum geht's?

Im ostfriesischen Dorf Loppersum wird ein Mann ermordet aufgefunden, zwei andere verschwinden spurlos. Doch damit nicht genug. Aufgrund einer anonymen Zeugenaussage liegt auch die Akte eines bereits elf Jahre zurückliegenden Falles wieder auf dem Schreibtisch des Ermittlerduos David Büttner und Sebastian Hasenkrug. Damals kam die 18jährige Sina während einer Geburtstagsfeier ums Leben – ebenfalls in Loppersum. Mysteriös: Jemand Unbekanntes fertigt Abbilder der Opfer in Form von kleinen Puppen an und bettet sie in einem Miniaturdorf aus Puppenstuben zur letzten Ruhe.

 

Leseprobe

Mit zittrigen Fingern tastete der alte Mann zum wiederholten Male nach dem Messer, das, befestigt an der rechten Gürtelschlaufe seiner Jeans, in einer abgewetzten Lederscheide steckte. Sein ganzes Leben lang hatte es ihn begleitet, seit er es vor rund siebzig Jahren von seinem Großvater geschenkt bekommen hatte. Selbst bei seiner Hochzeit hatte er es bei sich getragen, unsichtbar, an der Innenseite seiner Hose. Marianne hatte es nicht bemerkt. Und das war auch gut so, denn womöglich hätte sie ihn dann vor dem Traualtar einfach stehen lassen. Ein flüchtiges, kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte seine Mundwinkel bei der Erinnerung an diesen Tag. Marianne. Sie war so lebhaft gewesen, so impulsiv! Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, als er sie auf einer Tanzveranstaltung zum ersten Mal sah. Gekleidet in einen weit schwingenden, rot-weiß geblümten Petticoat und weiße Riemchensandalen, hatte sie ihn mit ihrem glockenhellen Lachen verzaubert. Zeitlebens hatte sie dieses Lachen nicht verloren, auch nicht in schwierigen Zeiten. Selbst, als der Krebs unablässig und erbarmungslos an ihrem bis dahin immer so gesunden Körper nagte, war sie stets voller Zuversicht gewesen, auch diesen Kampf zu gewinnen. Vergeblich. In einer lauwarmen Sommernacht vor fünf Jahren, die ähnlich mild gewesen war wie diese, war sie in seinen Armen mit einem Lächeln auf dem Gesicht für immer eingeschlafen. Seither vermisste er sie so sehr, dass es fast körperlich wehtat. Stunde für Stunde. Tag für Tag. Woche für Woche.
Sich nähernde Schritte, die über den von der Sonne noch aufgeheizten Schotter schabten, holten ihn in die Gegenwart zurück, und er spürte, wie ihm augenblicklich der kalte Schweiß ausbrach. Mit seiner schwieligen, von harter Arbeit gezeichneten Hand fuhr er instinktiv in die Innenseite seiner olivgrünen, mit zahlreichen Taschen bestückten Cargo-Weste. Ja, der Umschlag war noch da. Er lauschte. Die Schritte waren plötzlich verstummt. Zu hören war, wie schon zuvor, nur das leise Plätschern des Großen Meeres, dessen seichte Wellen sich nur wenige Meter entfernt an den Pfosten des hölzernen Bootstegs brachen. Vereinzelt war das Quaken von Fröschen zu vernehmen, ansonsten aber war es ruhig hier draußen am See. Gespenstisch ruhig.
Der alte Mann kniff die Augen zusammen und blinzelte angestrengt in die dunkle Nacht hinaus. Hatte er sich getäuscht? Nein. In nicht allzu weiter Entfernung vernahm er ein leises Klicken, dann glomm ein Feuerschein auf und erleuchtete für einen flüchtigen Augenblick ein Gesicht. Zu wem dieses Gesicht gehörte, konnte er auf diese Entfernung allerdings nicht erkennen. Wer auch immer sich ihm gerade näherte, hatte sich offensichtlich eine Zigarette angesteckt. Bereits im nächsten Augenblick waren wieder die Schritte zu hören, die unweigerlich auf ihn zu kamen. Noch ehe er sich’s versah, traf ihn nur wenig später der grelle Schein einer Taschenlampe, und er legte reflexartig den Arm schützend über seine Augen.
„Moin“, sagte im nächsten Moment eine Männerstimme, die dem alten Mann bekannt vorkam. Jedoch wusste er sie noch nicht einzuordnen.
„Wer sind Sie?“, fragte er, und zu seiner Befriedigung klang seine Stimme erstaunlich fest.
Als Antwort kam zunächst nur ein kurzes Lachen, dann hörte er den Mann spöttisch sagen: „Nun sag bloß, du erkennst mich nicht!“
Dem alten Mann fuhr ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Du?“, krächzte er dann. Ihm stockte der Atem vor lauter Entsetzen.
„Du hast wohl geglaubt, du könntest mich einfach ausbooten.“ Die Stimme des Mannes klang nun schneidend.
„Ausbooten? Ich verstehe nicht.“
„Doch, du verstehst ganz gut. Machst den fetten Reibach, und ich soll einfach zugucken.“
„Du hast doch schon alles bekommen, was dir zusteht“, antwortete er schwach und fühlte sich plötzlich unendlich müde.
„Halt die Klappe und gib mir das Geld!“
„Wenn das deine Mutter wüsste, Junge ...“, setzte der alte Mann zu einer Erwiderung an, im nächsten Moment aber traf ihn ein Faustschlag direkt in die Magengrube. Er japste kurz auf und krümmte sich vornüber.
„Lass meine Mutter aus dem Spiel, du alter Sack!“, schrie sein Gegenüber nun außer sich vor Wut und hielt ihm drohend die Faust entgegen. „Noch ein Wort, und ich prügle dich windelweich! Also, rück die Kohle raus, oder ich vergesse mich!“
Ein plötzlicher Schwindel durchfuhr den alten Mann, und er ließ sich auf die Knie fallen. Mit bebenden Fingern tastete er nach dem Umschlag und zog ihn hervor. Sein Blick war ganz verschwommen, und er nahm nur aus dem Augenwinkel war, wie sich der andere Mann zu ihm hinabbeugte und ihm mit einem spöttischen Grinsen auf dem Gesicht den Umschlag aus der Hand riss. „So ist’s brav. Warum denn nicht gleich so?“ Er hob das Kinn des alten Mannes grob an und beugte sich über ihn, so dass ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Dann zischte er: „Meine Mutter hat einen Fehler gemacht. Wir waren glücklich, bis du dich in unser Leben gedrängt hast. Ich habe sie angefleht, dass sie dich gehen lassen soll, dich, den armseligen Handwerker, der sich jeden Tag für andere Leute die Finger schmutzig macht. Ich hab ihr gesagt, dass sie etwas Besseres verdient hat, als Tag für Tag deine ölverschmierte Wäsche zu waschen. Aber sie wollte ja nicht auf mich hören.“ Er nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette, ohne jedoch das Kinn seines Gegenübers loszulassen, und blies ihm den Rauch aus nächster Nähe ins Gesicht. „Du hast sie umgebracht“, sagte er dann kaum hörbar.
„Sie starb an Krebs.“ Die schallende Ohrfeige, die diesen Worten ohne Verzögerung folgte, ließ seinen Kopf zur Seite schleudern und seine Nackenwirbel schmerzhaft knacksen.
Im Nachhinein fragte er sich noch oft, was ihm im nächsten Moment, als er den Fuß seines Gegners mit Schwung auf sich zukommen sah, die Kraft gab, diesen mit beiden Händen zu fassen und den Mann derart ins Taumeln zu bringen, dass er schließlich fiel. Und vor allem fragte er sich, warum er, Tjardo Tjarden, plötzlich das Messer in der Hand gehalten hatte, das er doch in all den Jahrzehnten nur in den vielen kleinen Alltagssituationen benutzt hatte, die eben hier und da eine allzeit scharf geschliffene Klinge erforderlich machten.

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