Lustakkorde

Lustakkorde

Der 3. Fall für Büttner und Hasenkrug
Achtung! Wo Lust drauf steht, ist auch Lust drin!

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Worum geht's?

In der ostfriesischen Stadt Emden wird der junge Musiklehrer Raffael Winter ermordet. Glauben Hauptkommissar David Büttner und sein Kollege Sebastian Hasenkrug zunächst noch an einen relativ einfach gelagerten Fall, so stoßen sie im Laufe der Ermittlungen im Umfeld des Toten jedoch auf ein Geflecht aus Liebe, Sex, Eifersucht und Hass. Der Kreis der Verdächtigen wird rasch größer, jeder scheint sich gegen jeden verschworen zu haben. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die gottesfürchtige Abiturientin Magdalena, die mit Raffael erstmals die Geheimnisse der körperlichen Liebe entdeckte, dann aber erfahren musste, dass er neben ihr noch zahlreiche andere Liebschaften pflegte – zu Frauen wie auch zu Männern. Doch nicht nur diese hatten ein Motiv, Raffael zu töten.

 

Leseprobe

Behutsam fuhr sie mit ihren Fingern über den nackten Körper. Es war wie ein Zwang. Schon seit Stunden rief sie sich immer wieder zur Ordnung, befahl sich, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen, ihn einfach zu ignorieren. Aber, so sehr sie es auch versuchte, es gelang ihr nicht. Ganz im Gegenteil schien ihr Verlangen, diesen Körper zu berühren, mit jedem Moment intensiver zu werden. Aber was war das für ein Verlangen? Diese kleine Skulptur rief Gefühle in ihr wach, die sie bisher nicht gekannt hatte. Schwer atmend zog sie ihre Hand zurück. Was nur passierte mit ihr, wenn sie über das kühle, weiße Marmor strich? Was war es, das ihr Blut in Wallung versetzte, wenn sie mit zittrigen Fingern die Kurven des schlanken, geschmeidigen Körpers entlangfuhr, sich langsam von der sanften Einbuchtung des Schulterblattes bis hinunter zu den wohlgeformten Rundungen des Gesäßes vortastete, bis ihre Hände schließlich eine Zone der Weiblichkeit erreichten, die, so hatte man ihr immer wieder eindringlich gesagt, in höchstem Maße unkeusch und damit für Berührungen jeglicher Art eine unbedingte Tabuzone war? Aber, so dachte sie bei sich, konnte so etwas überirdisch Schönes, wie es hier auf ihrem Schreibtisch vor ihr stand, wirklich etwas Verbotenes sein? Die kleine, glänzende Skulptur schien ihr Ausdruck einer schöpferischen Kraft zu sein, die erhaben war über alles Irdische. Und dennoch war sie von Menschenhand erschaffen worden.
Mit vor Aufregung zitternden Händen hatte sie am Nachmittag das Internet durchforstet auf der Suche nach dem Ursprung dieses göttlichen Geschöpfes. Und schließlich hatte es einen Namen bekommen: Danaide. Erschaffen von Auguste Rodin, einem französischen Künstler des 19. Jahrhunderts. Und je mehr sie sich in die Welt und das Leben des Auguste Rodin eingelesen hatte, desto mehr war ihr bewusst geworden, dass es sich bei ihm wahrlich um keinen Heiligen, sondern vielmehr um einen – wie ihr Vater sagen würde – verruchten Sünder gehandelt hatte, der den menschlichen Körper in seiner ganzen sündigen Nacktheit zur Schau stellte und damit – nichts anderes war vorstellbar – die jungen, unschuldigen Mädchen, die ihm damals Modell standen, der ewigen Verdammnis preisgegeben hatte.
Ihr war nur allzu deutlich bewusst, dass es sich für sie – mit diesem Wissen ausgestattet – geziemt hätte, die Skulptur sofort im nächsten Container zu entsorgen, wollte sie nicht Gefahr laufen, ein weiteres Opfer dieses in höchstem Maße unkeuschen Bildhauers zu werden. Aber irgendetwas in ihr sperrte sich. Still flehte sie zu Gott, er möge ihr die Kraft geben, von dieser kleinen Skulptur zu lassen. Aber so inbrünstig ihr Flehen auch war, führte doch irgendeine dunkle Macht ihre in Demut gefalteten Hände in suchender Bewegung immer wieder zur schönen Danaide zurück und zwang sie, über die sich ihr entgegenstreckende kühle Weiblichkeit zu streichen.
Gerade wollte sie die Skulptur ein weiteres Mal liebkosen, als sie erschrocken innehielt. „Magdalena“, hörte sie ihren Vater unten am Treppenabsatz rufen, „kommst du bitte nach unten, deine Mutter hat das Abendessen gerichtet!“ Mit einem tiefen Seufzer ließ das junge Mädchen die Danaide zurück in ihre Tasche gleiten, der sie sie am frühen Nachmittag verstohlen entnommen hatte. „Bis später“, flüsterte sie ihr zu und erschauderte bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn ihr Vater die Skulptur bei ihr entdeckte.
„Wie war deine Musikstunde, hast du Fortschritte gemacht?“, fragte ihr Vater, während er sich einen Nachschlag grüner Bohnen nahm. Magdalena nickte stumm. Es war ihr unmöglich, auch nur ein Wort hervorzubringen. Mechanisch kaute sie auf einem Stück Rindfleisch herum, das ihr heute besonders zäh vorkam.
„Du hast so gerötete Wangen, Kind“, sagte ihre Mutter und schaute sie besorgt an, „du bist doch nicht etwa krank?“
Magdalena schüttelte den Kopf. „A-aber nein“, stammelte sie und fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss, „ich ... die Hausaufgaben waren ein wenig anstrengend. Sonst ist nichts. Gar nichts.“
Ihr Vater nickte anerkennend. „Du weißt ja, wie stolz ich darauf bin, eine so rechtschaffene Tochter zu haben, Magdalena“, sagte er und tätschelte ihr den Arm. „Du wirst es einmal weit bringen, da bin ich mir ganz sicher. Erst neulich habe ich zu Pastor Eckstein gesagt, wie gut dir das Theologiestudium zu Gesicht stehen wird, und er hat mir aus vollem Herzen zugestimmt. Weißt du, Magdalena, es gibt heutzutage nicht mehr viele Menschen, die ihr Leben in wahrer Gottesfurcht verbringen. Vielmehr herrschen da draußen das Laster und die Sünde.“
„War dein Klavierlehrer zufrieden mit dir?“, griff ihre Mutter das Thema Musikunterricht wieder auf.
„Ja. Ja, ganz bestimmt“, beeilte sich Magdalena zu sagen, „wir haben heute mit einem neuen Stück angefangen. Von Johann Sebastian Bach. Es ist ... sehr schön.“
„Wahrlich, ich muss schon sagen“, ließ sich ihr Vater, der soeben dabei war, eine Flasche Rotwein zu entkorken, vernehmen, „dein Musiklehrer ... wie heißt er noch gleich?“
„Raffael Winter“, half ihm seine Frau kopfschüttelnd auf die Sprünge. „Dass du dir aber auch nie seinen Namen merken kannst!“
„Raffael Winter. Ja, tatsächlich“, erwiderte ihr Mann, „das ist eigentlich ein Name, den man sich gut merken kann. Raffael. Wie der Erzengel. Da haben wir eine gute Wahl getroffen.“ Er nippte genüsslich an seinem Wein, dann fügte er hinzu: „Pastor Eckstein hat ihn mir wärmstens ans Herz gelegt. Winter sei ein gebildeter und gottesfürchtiger Mann, hat er gesagt. Hm. Johann Sebastian Bach. Ja, das ist Musik zur Ehre unseres Herrn. Sehr schön, Magdalena, sehr schön.“ Erneut tätschelte er den Arm seiner Tochter.
„Ich müsste dann mal mit den Hausaufgaben weitermachen“, sagte Magdalena, nachdem sie sich gezwungen hatte, ihren Teller leer zu essen. „Darf ich bitte aufstehen?“ Das Gerede ihrer Eltern über den Musikunterricht konnte sie an diesem Abend kaum ertragen. Sie liebte es, Klavier zu spielen. Aber heute ... Sie war noch nicht lange als Schülerin bei Raffael Winter, seit nunmehr sechs Wochen. Zuvor hatte sie Unterricht bei einer älteren Dame gehabt, die dann aber schwer erkrankt war. Der junge Herr Winter hatte ihr gleich gefallen. Er sah gut aus und hatte eine offene und frische Art, ein wenig wie die Jungen in ihrer Schule, wenn die ihr auch manchmal ein wenig zu forsch waren. Aber bei ihm machte ihr der Unterricht noch deutlich mehr Spaß als zuvor bei der älteren Dame, die ziemlich streng und verknöchert gewesen war. Selbst ihre Fehler nahm Raffael Winter nur mit einem Lachen zur Kenntnis und ermunterte sie mit dem einen oder anderen Hinweis, es einfach noch einmal zu probieren. Ja, mit ihm machte das Klavierspiel Spaß. Umso schlimmer war, dachte sie bei sich, was sie sich heute geleistet hatte. Danaide. Sie hatte sie bei ihm auf dem Kaminsims entdeckt, als er für ein kurzes Telefonat aus dem Zimmer gegangen war und sie sich interessiert in dem großen, ansprechend eingerichteten Raum umgesehen hatte. Wie ein Stromstoß war es ihr beim Anblick der weißen Marmorskulptur durch den Körper gefahren. Wie elektrisiert war sie von ihrer Klavierbank aufgestanden und hatte sich ihr genähert. Ganz vorsichtig hatte sie ihre Hand ausgestreckt, um sie zu berühren. Sie hatte sie nur einmal kurz anfassen wollen, ganz bestimmt. Aber dann ... noch ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte sie sie an sich genommen und in ihrer Tasche verschwinden lassen. Sie schämte sich. Aber bereits am morgigen Mittag, gleich nach der Schule, würde sie ihre nächste Klavierstunde haben. Und dann würde sie die Danaide einfach wieder an ihren Platz zurückstellen. Bestimmt hatte er gar nicht bemerkt, dass sie sie genommen hatte. Und wenn doch? Magdalena schluckte schwer. Nun, dann würde sie ihm eine Erklärung geben müssen. Und sie würde sich entschuldigen. Aber nein, beruhigte sie sich im nächsten Moment selbst. Das Musikzimmer war so mit allerlei Krempel voll gestellt, dass er es unmöglich bemerkt haben konnte. Ganz sicher würde sie einen Augenblick alleine im Zimmer sein. Nein, er würde nie erfahren, dass sie eine Diebin war.

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