Dat witte Lücht

Dat witte Lücht

KURZKRIMI
Der 5. Fall (ein Weihnachtsfall) für Büttner und Hasenkrug

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Achtung: Dies ist ein KURZkrimi

Worum geht's?

Es ist zwei Tage vor Heiligabend, als Hauptkommissar David Büttner und sein Assistent Sebastian Hasenkrug ins Pewsumer Seniorenheim Dat witte Lücht gerufen werden. Hier kam eine betagte Dame auf mysteriöse Weise ums Leben. Die für den heimischen Weihnachtsbaum noch zu besorgenden Weihnachtsbaumkugeln immer im Blick, gerät Büttner mit den Ermittlungen zunehmend unter Zeitdruck. Und die Tatsache, dass es sich bei den Verdächtigen um offenbar leicht verwirrte alte Menschen handelt, befördert die Lösung des Falles auch nicht gerade.

 

Leseprobe

Sie lag da, als würde sie schlafen. Brunhilde Patricia Maria von Papenstich. Und obwohl diesen Namen hier im Heim ein jeder kannte, so schauten doch alle mit gerunzelter Stirn auf die Ärztin, die ihn soeben vor sich hinmurmelte, während sie den Totenschein ausfüllte.
„Bruni“, ließ sich eine krächzende Stimme vernehmen. „Sie heißt Bruni.“
Die junge Ärztin schaute auf. Eigentlich hatte sie gedacht, sich alleine mit der Verstorbenen im Zimmer zu befinden. Nun jedoch blickte sie in die Gesichter von vier betagten Menschen, die sie betreten und zugleich erwartungsvoll ansahen. Sie lächelte. Es war die Harte Garde, wie man sie hier im Seniorenheim Dat witte Lücht nannte.
Ganz links stand, die Hände wie immer tief in den Hosentaschen vergraben, Onno Willms. Er war der einzige Mann in dieser Gruppe und damit bei den Damen entsprechend begehrt. Er machte stets einen etwas verwahrlosten Eindruck, was jedoch nicht hieß, dass er es auch war. Vielmehr war er in seinem früheren Leben der Direktor einer größeren Bank gewesen und hatte, als er in Rente ging, verkündet, für den Rest seines Lebens nie wieder Anzug und Krawatte auch nur anzusehen, geschweige denn, sie zu tragen. Und so war er in den vergangenen 15 Jahren dazu übergegangen, sich Schritt für Schritt an seinen neuen Look, wie seine Enkelin zu sagen pflegte, zu gewöhnen. Und dieser Look bestand gemeinhin in einer abgetragenen, viel zu weiten und durch Hosenträger am Fallen gehinderte Jeans, einem labbrigen T-Shirt, einer grauen Strickjacke, die in der Regel nachlässig geknöpft war, und grauen Filzpantoffeln. Das Haupthaar über seinem schmalen, mit tiefen Falten durchzogenen Gesicht war zwar stark gelichtet, stand ihm aber dennoch derart wild vom Kopf ab, als hätte er soeben mit einem Schraubenzieher die Funktionstüchtigkeit einer Steckdose überprüft.
Neben ihm stand Hinderike Voss, von allen liebevoll Hinni genannt. Schon als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte so mancher die Vermutung geäußert, sie habe wohl das falsche Geschlecht erwischt. Und tatsächlich hatte sie zeitlebens eher wie ein Mann ausgesehen; was sie jedoch nicht störte, schließlich hatte sie sich auch immer als solcher gefühlt. Sehr zum Leidwesen ihrer Mutter hatte sie sich die Haare geschnitten, sobald sie mehr als streichholzlang wurden und, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, ihre schlichten Baumwollkleider gegen die Hosen ihres älteren Bruders ausgetauscht. Jeder Versuch, sie eines besseren zu belehren, war kläglich gescheitert. Und so konnte man noch heute auf den ersten Blick glauben, einen großen, hageren Mann vor sich zu haben, wenn man sie nicht kannte. Und selbst, wenn man mit ihr sprach, bekam man eine Stimme zu hören, die aufgrund ausschweifenden Zigarettenkonsums nicht weniger rau und dunkel klang als die eines kettenrauchenden Mannes.
Die Dritte im Bunde, Katharina Harbers, war das genaue Gegenteil. Sie unterstrich ihre ausladende Weiblichkeit auch im Herbst ihres Lebens noch durch ein tief ausgeschnittenes Dekolleté, und war, wie sie gerne betonte, eine Lady. Jeden Morgen war sie die Letzte, die im großen Speisesaal zum Frühstück erschien, musste sie sich doch zunächst noch ein wenig zurecht machen, bevor sie sich unter die Leute traute. Aufgewachsen in einem reichen Elternhaus mit vier älteren Brüdern, war sie Papas Prinzessin gewesen und entsprechend ausstaffiert worden. Später dann hatte sie ihren Prinzen gefunden, einen ebenfalls wohlhabenden jungen Industriellensohn, der ihr die Welt zu Füßen legte und sie in Samt und Seide kleidete. Er verstarb in der Blüte seines Lebens; Samt und Seide blieben. Und so stand sie auch heute, die dunkel gefärbten Haare zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt, die Lippen grell geschminkt und die dunklen Augen mit tiefschwarzem Kajal betont, edel gekleidet in der Reihe ihrer Freunde und drehte immerzu eine lange Perlenkette um ihren Zeigefinger.
Ganz rechts in der Reihe kaute Marie Conrads sichtlich nervös auf ihren Fingernägeln herum, wie sie es immer tat. Ihre beinahe kleinwüchsige, zur Korpulenz neigende Gestalt hatte sie in ein weites, helles Leinenkleid gehüllt, um ihren Hals einen bunten Schal drapiert. Seit Jahren schon redete sie davon, dass es mal an der Zeit wäre, jeden neuen Tag mit Yogaübungen willkommen zu heißen, um diese vermaledeite innere Nervosität in den Griff zu bekommen, nur kam sie nicht so recht dazu. Um sich zu trösten, dass sie von diesem Vorhaben immer wieder durch unvorhergesehene Dinge, wie zum Beispiel ein unmöglich zu ignorierendes Hungergefühl, abgelenkt wurde, griff sie anstatt zur Yogamatte in die Schublade ihrer Kommode und schob sich eine Kugel ihres geliebten Pfefferminzkonfekts in den Mund.
„Sie war Ihre Freundin, nicht wahr?“, lächelte die Ärztin die vier nun an, woraufhin diese einhellig nickten.
„Bruni“, krächzte Hinni mit ihrer rauchigen und an diesem Morgen leicht zittrigen Stimme.
„Es tut mir sehr leid“, seufzte die Ärztin. „Diesmal hat sie ihren Herzanfall leider nicht überlebt. Es stand zu befürchten, dass es eines Tages so kommen würde. Ihr Herz war schon lange sehr schwach, wie Sie sicherlich wissen.“
Wieder nickten die vier alten Menschen betroffen. Marie trat an Brunis Bett heran und strich ihrer toten Freundin mit ihren wund genagten Fingerspitzen über die Wange. „Mach’s gut, Bruni“, flüsterte sie kaum hörbar, während ihr eine Träne über die Wange lief.
„Sie glauben, dass sie an einem Herzanfall gestorben ist?“, meldete sich Onno Willms zu Wort, ohne den Blick von Bruni und Marie abzuwenden.
„Ja. Alles deutet darauf hin.“
„Sie hat sich wohl noch eine Spritze gegeben“, bemerkte Katharina tonlos.
„Eine Spritze?“ Die Ärztin sah sie aus erstaunten Augen an. „Woher hätte sie denn eine Spritze haben sollen?“
Katharina zuckte mit den Schultern. „Ich dachte nur. Weil da eine liegt.“ Sie deutete mit dem Finger unter das Bett. Die Ärztin zog die Stirn in Falten und bückte sich. Tatsächlich. Mit spitzen Fingern nahm sie die Spritze in die Hand und betrachtete sie eingehend.
„Bisschen weiter hinten liegt auch ein Fläschchen“, bemerkte Katharina.
Erneut griff die Ärztin unters Bett. Als sie auf das Etikett des Fläschchens blickte, wurde sie blass. „Das ist ein starkes Beruhigungsmittel“, sagte sie und warf einen Blick auf die Tote. Rasch legte sie Fläschchen und Spritze beiseite und schob dann die Ärmel von Brunis Nachthemd hoch. „Da ist ja ein Einstich“, sagte sie nachdenklich und rieb mit dem Finger über einen nicht sehr ausgeprägten blauen Fleck in Brunis linker Armbeuge.
„Hat sie sich wohl doch `ne Spritze gegeben“, stellte Onno fest.
„Nein, ganz bestimmt nicht“, schüttelte die Ärztin den Kopf, „das Mittel hätte sie ...“ Sie stutzte. „Es hätte sie umgebracht“, vollendete sie heiser ihren Satz.
„Selbstmord?“, rief Marie mit entsetzt aufgerissenen Augen. „Nie im Leben hätte Bruni das getan! Ausgeschlossen! Völlig ausgeschlossen!“
„Völlig ausgeschlossen“, stimmten ihr die Freunde unisono zu.
„Ich ...“ Die junge Ärztin fuhr sich fahrig durch die Haare und schien nicht zu wissen, was sie jetzt tun sollte. Mit einem verzweifelten Blick schaute sie auf die tote Bruni und dann die vier Freunde der Reihe nach bedauernd an. „Ich fürchte, dass ich die Polizei einschalten muss.“
„Die Polizei?“ Hinni sah sie verstört an. „Sie meinen doch nicht, dass Bruni umgebracht wurde?“

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