Das Teekomplott

Teekomplott

Der 2. Fall für Büttner und Hasenkrug
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Worum geht's?

Das beschauliche ostfriesische Dorf Canhusen wird durch eine Mordserie aufgeschreckt. Kommissar David Büttner und sein Assistent Sebastian Hasenkrug stehen vor einem Rätsel: Warum mussten die Opfer sterben? Und was hat es mit den Teebeuteln auf sich, die bei jedem der Opfer gefunden wurden? Haben diese Morde womöglich etwas mit dem Tod zweier junger Männer zu tun, die in der Nachkriegszeit auf mysteriöse Weise ums Leben kamen?

Leseprobe

Jan Scherrmann legte seine rechte Hand über die Augen, um sie vor den grellen Strahlen der Sonne zu schützen. Es war ein brütend heißer Spätsommertag, wie man ihn hier oben an der Küste nur selten erlebte. Zum Glück aber wehte ein frischer Wind von See her und verschaffte ihm mit jeder Böe, die ihm in unregelmäßigen Abständen über die verschwitzte Haut strich, eine erfrischende, wenn auch nur kurze Abkühlung. Prüfend ließ er seinen Blick die Straße hinunter gleiten. Beim Anblick der spielenden Kinder, die johlend und jauchzend immer wieder durch das kühle Nass eines Rasensprengers hüpften, der ganz offensichtlich einzig zu diesem Zweck aufgestellt worden war, flog ein Lächeln über sein Gesicht. Er liebte dieses Idyll, das der kleine Ort an jedem einzelnen Tag des Jahres ausstrahlte. Canhusen. Für die Kinder, die das Glück hatten hier aufzuwachsen, musste es das Paradies sein. Hier schien die Zeit stillzustehen. Scherrmann konnte sich gut vorstellen, dass sich hier in den vergangenen Jahrzehnten kaum etwas verändert hatte. Das war ihm auch von den Einheimischen bestätigt worden. Canhusen war und blieb Canhusen. In dem kleinen Dorf unweit von Emden war schon seit bestimmt zwei Generationen kein Baugebiet mehr ausgewiesen worden, nur hier und da hatte mal ein älteres Haus, dessen Bewohner verstorben waren, einem neuen weichen müssen. Gut ein Dutzend roter Klinkerhäuser scharte sich um die kleine, jahrhundertealte Kirche, die im Zentrum des Ortes erhöht auf einer Warf stand und deren kleiner Glockenturm auf dem Dach wie ein gespitzter Bleistift in den blauen Himmel stach. Ergänzend zu diesem Ortskern gab es links der Einfallstraße nach Canhusen die im Volksmund „Alte Siedlung“ genannte Straße Am Düsterland sowie ein paar hundert Meter weiter Richtung Ortsmitte die „Neue Siedlung“, die gemäß ihrem Baumbestand den Namen Pappelallee erhalten hatte. Jan Scherrmann lebte erst seit wenigen Monaten in Canhusen, er war ein Zugezogener, kam nicht mal aus Ostfriesland, sondern aus dem fernen Dortmund. Entsprechend kritisch war er von seinen neuen Nachbarn beäugt worden. Es kam nur äußerst selten vor, dass sich jemand von außerhalb in diesen Ort verirrte, von dessen Existenz selbst alteingesessene Ostfriesen häufig keine Ahnung hatten. Denn an Canhusen führten eigentlich alle Wege vorbei. Wer hier nicht ganz gezielt etwas zu tun hatte, der nahm das Dorf von der in einigen hundert Metern vorbeiführenden Landstraße aus gar nicht wahr. Und was sollte man in Canhusen schon zu tun haben? Außer Idylle gab es hier wahrlich nichts. Hier wohnte man. Sonst nichts. Arbeit vor Ort hatten lediglich drei Landwirte, was dazu führte, das Canhusen schon immer deutlich mehr Kühen ein Zuhause gab als Menschen. Ja, der kleine Ort war ein idyllisches Kleinod inmitten der hektischen Realität. Hier passierte nichts, rein gar nichts. Scherrmann lief, nach einem letzten amüsierten Blick auf die spielenden Kinder, weiter Richtung Gemeindehaus. Die ehemalige Schule des Dorfes lag im Ortskern und wurde für kleinere Veranstaltungen genutzt. Am heutigen Abend beispielsweise würde sich hier wieder der Altherrenstammtisch treffen, wie an jedem Dienstag. Nachdem er, Scherrmann, die Idee mit der Fotoausstellung gehabt hatte, waren die fünf Herren des Stammtisches auf ihn zugekommen und hatten ihm angeboten, sich ihnen anzuschließen. Da er wusste, wie wichtig es in einem Dorf war, sich in die Gemeinschaft einzufügen, wollte man nicht für immer als Außenseiter gebrandmarkt sein, hatte er dankend zugestimmt – auch wenn er dadurch den Altersdurchschnitt der Runde erheblich senkte. Wie man ihm erzählt hatte, war der Altherrenstammtisch gleich nach dem 2. Weltkrieg gegründet worden, und zwar von denselben Leuten, die auch heute noch an ihm teilnahmen. Das eine oder andere Mitglied war allerdings inzwischen verstorben. Hinzugestoßen war im Laufe der Jahrzehnte wohl kaum jemand, so dass Scherrmann sich wahrlich geehrt fühlen konnte, in die eingeschworene Gemeinschaft aufgenommen worden zu sein. Die Fotoausstellung würde ein echter Erfolg werden, das zeichnete sich schon jetzt ab. Scherrmann hatte die Herzen der Einwohner Canhusens im Sturm erobert, als er eines Tages vorgeschlagen hatte, zur Geschichte des kleinen Dorfes alte und neuere Fotos zu sammeln und im Gemeindehaus zu präsentieren. Mit Feuereifer waren vor allem die älteren Menschen ans Werk gegangen, hatten alte Schuhkartons voller Bilder sowie längst vergessene Fotoalben ausgegraben und sich beim Sortieren häufig in ihrer eigenen Geschichte verloren. Scherrmann hatte die Koordination der Ausstellung übernommen, zahlreiche Dias eingescannt, war bei der Auswahl der Fotos behilflich gewesen und hatte dabei viele lustige, aber auch die eine oder andere tragische Geschichte zu hören bekommen. Und nun standen an den Wänden des Gemeindehauses diverse Stellwände, die darauf warteten, mit den Erinnerungen der Canhuser bestückt zu werden und ihre Mitmenschen an dem einen oder anderen Ereignis der Vergangenheit rückblickend teilhaben zu lassen.

Scherrmann betrat den nicht allzu ausladenden, aber an diesem heißen Sommertag angenehm kühlen Raum und wurde von den bereits anwesenden drei Personen herzlich begrüßt. „Moin, Jan“, rief ihm Lübbo Krayenborg entgegen und klopfte ihm, als Scherrmann sich neben ihn stellte, freundschaftlich auf die Schulter. Der alte Herr hatte die Achtzig bereits überschritten, hielt sich aber, trotz eines Nierenleidens, rüstig auf den Beinen und leitete und koordinierte den Altherrenstammtisch seit dem ersten Tag seines Bestehens. Er war von eher kleiner, gedrungener Statur, erweckte durch sein selbstbewusstes Auftreten jedoch schnell den Eindruck nicht nur geistiger, sondern auch körperlicher Überlegenheit. Scherrmann war schnell klar gewesen, dass ohne Lübbo Krayenborg in Canhusen nichts lief. Viele nannten ihn scherzhaft Bürgermeister, obwohl Canhusen über einen solchen natürlich nicht wirklich verfügte. Der offizielle Bürgermeister saß in Hinte, akzeptierte aber von jeher die hervorgehobene Position seines heimlichen Rivalen. Nicht, weil er ihn besonders schätzte, sondern weil er es sich sonst mit allen Canhusern ganz schnell verscherzt hätte. Und dass er sich das als Politiker, der noch Karriere machen wollte, nicht erlauben konnte, erklärte sich ja von selbst.
Lübbo hatte seine Frau Fenna mitgebracht, die erst vor wenigen Tagen mit einem großen Fest ihren achtzigsten Geburtstag in eben diesem Gemeindehaus gefeiert hatte. Jan Scherrmann drückte Fenna die Hand und bemerkte, dass sie trotz der Hitze eiskalt war. Er sah der zierlichen Frau lächelnd in das von tiefen Falten durchfurchte Gesicht, und sie nickte ihm freundlich zu, wobei sie sich allerdings leicht zur Seite drehte, wohl um den Bluterguss, der auf ihrer rechten Wange prangte, zu verstecken.
„Das sieht aber nicht gut aus“, bemerkte Scherrmann dennoch und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.
„Och, Fenna ist mal wieder ein bisschen trottelig gewesen“, bemerkte Lübbo und schlang grinsend den Arm um die Hüfte seiner Frau. „Hat sich an der Tür vom Küchenschrank gestoßen. Ich hatte ihr ja vorher gesagt, sie solle sie lieber wieder zumachen, nicht dass sie sich stößt beim Geschirrspüler ausräumen. Aber, nun ja, sie wollte ja nicht auf mich hören.“
„Ja“, pflichtete ihm nun sein Freund Johann Schepker bei und lachte kurz auf, „so ist unsere Fenna, ständig legt sie sich mit Möbelstücken an oder fällt die Treppe runter. Aber das ist nun mal so, Jan, da musste dir nichts bei denken. Das war schon immer so, seit ich sie kenne, seit achtzig Jahren nämlich.“
Scherrmann räusperte sich vernehmlich, erwiderte aber nichts. Stattdessen wandte er sich den zahlreichen Kisten zu, die sich vor den Stellwänden stapelten. Auf jeder der Kisten stand in großen schwarzen Ziffern eine Jahreszahl oder ein Zeitraum. Er hatte sie gestern schon vorsortiert, jetzt mussten die Bilder und die dazugehörigen Bildunterschriften nur noch an ihren Platz geheftet werden.
„Na, dann legen wir mal los“, verkündete Lübbo Krayenborg, griff sich die erste Kiste mit der Aufschrift 1920-1932 und wuchtete sie mit einem lauten Stöhnen auf einen der Tische, die in der Mitte des Raumes standen. „So, Fenna, du gibst mir die Fotos und ich bringe sie an der Tafel an“, keuchte er und wischte sich mit einen Taschentuch aus blau kariertem Stoff die Schweißperlen von der Stirn.
„Ich würde auch gerne die Fotos anbringen“, sagte Fenna leise, „daran hätte ich großen Spaß. Weißt du, Jan“, fügte sie an Scherrmann gewandt hinzu, „ich bin schon ganz gespannt, was da alles in den Kisten zu finden ist. Ich habe ja mein ganzes Leben in Canhusen verbracht und bestimmt so einiges vergessen. Es war eine so großartige Idee von dir, diese Ausstellung zu machen, Jan. Erst gestern habe ich zu Johanns Frau Edith gesagt, dass ...“
„Fenna, hör auf so viel zu brabbeln und gib mir endlich die Fotos“, brummte Lübbo und sah seine Frau finster an. „Die Geschichten, die du zu erzählen hast, interessieren Jan doch überhaupt nicht.“
„Doch, sicher interessieren sie mich, und ich fände es auch gut, wenn Fenna die Fotos ...“, warf Jan ein, wurde aber durch den herrischen Tonfall seines Nachbarn sogleich wieder unterbrochen.
„Fenna, die Fotos, aber ein bisschen fix!“, brüllte Lübbo und sein Gesicht lief puterrot an. Er duldete keinen Widerspruch. Schlimm genug, dass nicht ihm die Idee mit der Fotoausstellung gekommen war, sondern Jan, einem Zugezogenen, der mit diesem Dorf so rein gar nichts zu tun hatte. Aber sich von ihm nun auch noch vorschreiben zu lassen, wer hier was zu tun hatte, das ging wirklich zu weit.
Mit viel Sorgfalt hefteten Lübbo und Johann die Bilder an die Stellwände, und zu beinahe jedem Foto, das sie in die Hände bekamen, hatten sie etwas zu sagen. Scherrmann hörte interessiert zu und stellte Fragen. So wäre es sicherlich ein ganz amüsanter Nachmittag geworden, wenn Fenna nicht so betont lustlos ihrer Aufgabe, ihrem Mann die Fotos zu reichen, nachgekommen wäre. Scherrmann wusste, dass sie sich sehr auf diesen Nachmittag gefreut hatte. Immer wieder hatte sie ihm das in den vergangenen Wochen gesagt, wenn sie ihm irgendwo über den Weg gelaufen war. Aber nun schien ihr aller Spaß vergangen zu sein, nachdem ihr Mann sie so unwirsch abgebügelt hatte. Scherrmann schenkte ihr immer mal wieder ein aufmunterndes Lächeln, aber sie reagierte darauf nur, indem sie den Kopf senkte und so tat, als wäre sie voll auf ihre Arbeit konzentriert.
Lübbo und Fenna hatten die erste Stellwand bestückt und machten sich nun an die Jahre 1946-1955, während Scherrmann und Johann Schepker noch mit der Zeit des Nationalsozialismus und dem 2. Weltkrieg beschäftigt waren. Fenna sah die vergilbten Schwarzweißbilder kaum an und schien völlig in Gedanken versunken. Umso erschrockener war Scherrmann, als sie plötzlich einen erstickten Schrei ausstieß, sich im nächsten Moment auf einen Stuhl fallen ließ und das Foto, das sie in ihrer Hand hielt, mit leichenblassem Gesicht und weit aufgerissenen Augen anstarrte, während sie die linke Hand auf ihr Herz presste.

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